Mit einer Lesung gedachte das Literaturzentrum Vorpommern am vergangenen Montag im Koeppenhaus des in Folge eines Krebsleidens am 28. Juni im Alter von 78 Jahren verstorbenen Peter Rühmkorf. „Dieser Abend gilt einem wunderbaren Dichter“, begrüßte die Veranstaltungsleiterin Anett Hauswald das dicht gedrängt sitzende Publikum im Café des Hauses. Nicht allein das. „Dank seiner Hilfe ist das Koeppenhaus zu einem lebendigen Ort der Literatur geworden.“Zusammen mit Günter Grass gründete Peter Rühmkorf die Wolfgang-Koeppen-Stiftung, die sich für den Aufbau und der nachhaltigen Nutzung des Geburtshauses des Greifswalder Schriftstellers einsetzte. Zum 100. Geburtstag Wolfgang Koeppens fanden sich die beiden Literaten in der Universitäts- und Hansestadt ein, um den in der Tradition der literarischen Moderne schreibenden Koeppen mit einer Doppellesung aus dem eigenen lyrischen Werk die Ehre zu erweisen. Vielen Greifswalder Zuhörern dürfte der Abend in bester Erinnerung sein. Nicht verwunderlich erschien es, dass vorgestern gut 80 Zuhörer zur Gedenkveranstaltung für einen der bedeutenden deutschen Lyriker, Essayisten und Pamphletisten nach 1945 einfanden.

Marta Dietrich, Anke Neubauer und Jan Holten vom Theater Vorpommern trugen einen ausgesuchten Bogen an Texten, Lyrik und Märchenhaftem aus dem insgesamt vielfältigen Werk des Virtuosen der Verse vor. Weder fehlte dabei Rühmkorfs wacher Blick als politischer Mahner für gesellschaftliche Missstände noch dessen feiner Witz oder subtile Ironie. Galten „Komm raus!“ und „Bleib erschütterbar und widersteh“ als nachhallende Aufrufe, so gab das „Selbstporträt mit und ohne Hut“ Einschätzungen des Lebenslaufs des Sohnes der Pastorentochter und Lehrerin Elisbeth Rühmkorf und eines reisenden Puppenspielers aus der Feder des mit literarischen vielfach bedachten Wolfgang Koeppenverehrers.

Das aufgeklärte Märchen „Der Hüter des Misthaufens“ überraschte und erheiterte mit seinem romantisch-ironischen Zauber. Lange Zeit galt diese literarische Facette Rühmkorfs als ein spielerisches Nebenwerk. Immer noch warten die Märchen des einstigen Rowohlt-Lektors und ab 1964 als freien Schriftsteller und Dichters wirkenden auf ihre Entdeckung. Ein Kapitel aus dem Katzen-Märchen „Auf Wiedersehen in Kenilworth“ bekräftigte seine auf diesem Feld zu lang verkannte Sprachartistik.

Auszüge aus dem letzten Gedichtband „Paradiesvogelschiß“ durften nicht fehlen. Dessen Erfolg konnte der Autor erleben. Allein den in den Feuilletons viel zitierten Grabspruch ließen die Lesenden ganz geflissentlich aus. Gerade weil die „Ballade von den geschenkten Blättern“,  die kurzen Absätze aus „Weil auf jedem Blatt steht ein goldener Spruch …“ und „Rückblickend mein eigenes Leben …“ viel eher zu einem würdevollen und heiteren Erinnern passten. Denn wie kein anderer Poet des 20. Jahrhunderts vermochte es Peter Rühmkorf, dem Lesenden oder Lauschenden die Freude am feinsinnigen Spiel mit den Wörtern zu vermitteln. Sein Dichterdebüt mit dem Band „Irdisches in g“ bezeugte dies bestens. Denn der seit damals durchgehaltene Stil einer aus mit Slang und saloppen Umgangsfloskeln vermischte Hochsprache sorgte für eine ungebrochene Begeisterung.  „Halten Sie ihn in ihrem Herzen und berücksichtigen Sie ihn in ihrer Bibliothek“, wünschte Anett Hauswald zum Abschluss. Denn: „Es lohnt sich in jedem Falle.“