Die Preisträgerin steht fest. Den Wolfgang-Koeppen-Preis erhielt pünktlich zum 102. Geburtstag des in Greifswald geborenen Autors am vergangenen Montag die in Zürich und Israel lebende Sibylle Berg. Bei der von der Universitäts- und Hansestadt im Geburtshaus und heutigen Literaturzentrum Vorpommerns ausgerichteten Feierstunde verlieh der Oberbürgermeister Dr. Arthur König die alle zwei Jahre vergebenen literarische Auszeichnung Greifswalds an die Schriftstellerin, Dramatikerin und Journalistin.Gewürdigt wurde damit ihr Weiterschreiben am Projekt der literarischen Moderne. „Koeppen würde sie gerne lesen“, war sich Bartholomäus Grill sicher. Entsprechend des Reglements oblag ihm als vor zwei Jahren für seine Arbeiten selbst geehrter Schreibender das Vorschlagsrecht für seine Nachfolge. „Wie keine andere deutschsprachige Schriftstellerin seziert sie die Seelenverwüstungen im veloziferischen Zeitalter der Globalisierung mit scharfer und zugleich selbstironischer Feder“, hieß es in seiner Begründung. Die Würdigung war zugleich der Auftakt der diesjährigen Greifswalder Koeppentage, die bis zum 28. Juni stattfinden.
Das Literaturfestival greift in diesem Jahr den gesellschaftskritischen und kulturellen Realitäten beobachtenden Blick bei Wolfgang Koeppen und bei den eingeladenen Vertretern der zeitgenössischen Literaturszene auf. „Wenn Wolfgang Koeppen bei unseren Literaturtagen wieder im Mittelpunkt steht, dann immer aus einer neuen Perspektive“, erklärt Organisatorin Anett Hauswald vom Literaturzentrum Vorpommern im Koeppenhaus. Das Motto „Zeitbrüche literarisch“ greife die sprachlich feinsinnig geschilderten Ängste, Desillusionierungen und gefühlten Ausweglosigkeiten als immer wieder aktuelles Zeitkolorit von Literaten auf.
Der Schauspieler Ulrich Noethen („Gripsholm“) stellt bei der Werklesung „Die Mauer schwankt“ Koeppens zweiten und bisher zu Unrecht wenig beachteten Roman vor. Die 1973 in Ungarn geborene Léda Forgó thematisiert bei ihrer Lesung aus ihrem Debüt-Roman „Der Körper meines Bruders“ das während des Aufstandes in Budapest im Jahre 1956. Den Kreis der Lesung beschließt Hans Joachim Schädlich mit seinem Roman „Anders“, in dem zwei pensionierte Meteorologen dem Sammeln und Erzählen von Geschichten über Menschen leidenschaftlich fröhnen.
