Die Bachwoche steht und fällt mit deren Künstlerischen Leiter. Nicht allein bei der Festlegung des jährlichen thematischen Schwerpunktes. Obwohl ihm dieses Privileg bei dem von der Pommerschen Evangelischen Kirche veranstalteten Musikfest zukommt. „Das Grundkonzept ist bewährt“, findet der seit 1993 in diesem Amt befindliche Jochen A. Modeß. Immer wieder ermögliche die vom Bachwocheneltern Anneliese und Hans Pflugbeil ausgebildete Grundstruktur neue Facetten. Besonderen Anklang finden bei Bachwochebesuchern die Mitsingproben im Lutherhof. „Das ist ganz wesentlich“, findet Modeß. Gerade in der programmatischen Ausrichtung der Bachwoche. Die Bachschen Kantaten bedürften der Pflege und passen zudem perfekt in den Rahmen der Geistlichen Morgenmusik in Greifswalder Altstadtkirchen. „Diese Musik wurde für den Gottesdienst geschrieben“, hebt der Kirchenmusikdirektor und Domkantor hervor. Die Aufführung des ganzen Bachschen Erbes liegt ihm besonders am Herzen.
Doch dem nicht genug. Denn für Jochen A. Modeß hat das evangelische Musikfest ebenfalls eine Verpflichtung gegenüber zeitgenössischen Werken. Als Chorleiter, Dirigent und Komponist füllt er dies in eigener Person mit Leben aus. In diesem Jahr gab es innerhalb der Bachwoche mit der Uraufführung für den Greifswalder Orgelprofessor Matthias Schneider gewidmeten Konzert für Orgel und Orchester „Donu pacon“ und dem 1995 zum 50. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges entstandene Oratorium „Frieden“ erstmals überhaupt ein Abendprogramm mit ausschließlich eigenen Werken. „Wir sind aufgefordert, eigene Musik zu machen“, findet Jochen A. Modeß im Hinblick auf Johann Sebastian Bachs musikalisches Wirken in seiner Zeit. Und er fügt hinzu: „Ich sehe mich in der Tradition des komponierenden Kantors.“ Musik dürfe sich einer zeitgemäßen Aussage nicht entziehen. Die Würdigung von Jubilaren wie Hugo Distler oder Olivier Messiaen, die beide in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag gehabt hätten, spiele ebenfalls eine wichtige Rolle.
„Wir können nicht allen Angeboten nachkommen“, sagt Modeß im Hinblick auf die Anfrage von renommierten Musikern. Damit sieht er die Anziehungskraft der Greifswalder Bachwoche für Künstler bestätigt. Nicht allein ein für sie. „Johann Sebastian Bach ist immer ein Highlight für die Hörer“, weiß der Künstlerische Leiter. Denn die Rezeption des einstigen Leipziger Thomaskantors sei bis heute ungebrochen. Gerade angesichts der heutigen Hörgewohnheiten. „Wir haben eine große Affinität zur Barockmusik“, sagt Modeß. Vieles läge bereits in der Musik. Anders wäre für den Künstlerischen Leiter beispielsweise der weltweite Erfolg der Jazzvarianten des französischen Jacques Loussier Trios nicht erklärbar. Denn gerade der Rhythmus in der barocken Polyphonie böte eine hervorragende Vorlage für die freien Improvisationen auf Flügel, Schlagzeug und Kontrabass. Die Beschränkung auf musikalische Werte reiche bei Bach nicht aus. Denn gerade die geistliche Dimension verlange die Bachwochengemeinde. „Es ist unglaublich, wie das auch aufhilft“, gibt Modeß zu bedenken. Gerade bei der Ermöglichung von spirituellen Erlebnissen durch das Hören wie beispielsweise der h-Moll-Messe sieht der Greifswalder Kirchenmusiker seine Verpflichtung. Gerade auch im Wissen um die große Vielfalt des Bachschen Erbes.
Die Hanse- und Universitätsstadt zeichnete Prof. Jochen A. Modeß Mitte Mai für sein Engagement mit der Rubenow-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Universitäts- und Hansestadt, aus. Eine wohlverdiente Anerkennung für den stadtbekannten und stets zufrieden lächelnden Kirchenmusiker. Denn die Bachwoche bedeutet jährlich für ihn persönlich zuerst einmal eines: zwei bis drei Konzerte pro Tag plus Probenarbeit für die folgenden Termine. Bei diesem, eine gute Wochen andauernden straffen Pensum hilft ihm beruflich eines: eine rasche Auffassungsgabe des Notentextes. „Das ist eine Gabe“, meint Jochen A. Modeß, die es einzusetzen gelte. Im Dienste der Sache. 1993 erhielt er den Ruf auf die Professur für Kirchenmusik von der Ernst-Moritz-Arndt-Universität. Als Kantor der Neustädter Marienkirche in Bielefeld leitete der gebürtige Westfale seit 1983 deren Kantorei, Kinder- und Jugendchöre, das Marienorchester, das Bielefelder Vokalensemble und organisierte zudem einmal im Jahr stattfindende Konzerttage mit einem thematischen Schwerpunkt. Auch wenn die Bachwoche in vielerlei Hinsicht in seinen Händen liegt, so geht es während des Musikfestes nicht ohne den Rückhalt der Familie. Und natürlich der Bachgemeinde vor Ort und der jeweils angereisten.
